Baby, vergiss das Flickzeug nicht


Es begab sich aber zu einer Zeit, da Genosse André und ich in Ein Karem – einem lauschigen Dorf zu Füßen der Heiligen Stadt – weilten, dass wir den wilden und verwegenen Plan ausheckten, die uns bis dahin gänzlich unbekannte Gegend zwischen Ein Karem und Latrun, die wir bislang nur im Bus auf dem Wege 1 befahren hatten, mit Drahteseln zu erkunden. Johannes, ein weiterer tapferer Geselle, ein Ureinwohner des uralten Ein Karems, war willens uns zu begleiten.

Radtour nach Latrun

Bilder der kleinen aber feinen Tour nach Latrun

Alsbald ward der Plan in die Tat umgesetzt, Fahrräder geölt, in die nun ölschwarzen und rissigen Hände gespuckt und Routen geplant.

Das Schicksal, die alte Hexe, wollte uns doch fürwahr kurz vor Abfahrt den Plan vereiteln. Das Vorderrad meines Fahrrad – welches noch am Vortag eifrig seinen Dienst verrichtet hatte – erwies sich als von den Umständen völlig überfordert. Es war förmlich geplättet. Im gesamten Ein Karemer Trödelhaushalt lies sich kein taugliches Aufpumpobjekt finden. Als letzte Zuflucht in arger Not erwies sich endlich das Vorderrad eines anderen Fahrrads, das eifrig abmontiert und bei mir unter Flüchen und Wehklagen angeschraubt wurde. Zwar fehlten einige kritische Millimeter an Gewinde, aber wir schoben unsere Zweifel leichten Herzens beseite.

Die Vögel zwitscherten, die Luft war rein und mild. Über die wilden, noch die Narben der letzten Belagerung zeigenden Gestaden vor Jerusalem strich ein sanfter Mittsommerwind. So fuhren wir los, nur mit dem bekleidet, was wir am Leibe trugen, lediglich mit frischem Quellwasser und Keksen als Wegzehrung – und ohne die Wanderkarte. Das bemerkten wir jedoch erst nach der schwungvollen Abfahrt, bei der uns der Wind kitzelte und die Spatzen in den Bäumen zu Gottes schönster Verzückung jubilierten. Egal, wackere Radwandersleute wie uns sollte das Fehlen einer Karte nicht schrecken, tapfer setzten wir den Weg fort.

Bald wollte nun auch Andrés Fahrrad unsere schönen Pläne durchkreuzen, die Gangschaltung hatte ihren eigenen, gar dicken Kopf, den sie unverzagt durchzusetzen versuchte. Doch wir waren stärker und vor allem trotziger: Auch mit nur vier benutzbaren Ritzeln am Hinterrad lässt sich gar vortrefflich fahren, so versicherte André reichlich verdrossen.

Es ging über Stock und Stein, über Schotter und Geröll, über Berg und Tal, fröhlich pfeifend den Weg entlang, immer in Sicht der alten Geleise der Eisenbahn nach Jerusalem – des alten, fauchenden Ungetüms. Beim Überqueren einer alten Furt inmitten des reisenden Bergbaches wären wir fast elendiglich ertrunken – jedoch wurden aufgrund einer unerklärlichen und gar glücklichen Fügung des Schicksals nur unsere bleichen Füße nass.

Wir labten uns an den Keksen und erfrischten uns am Quellwasser. Als wir endlich glücklich im Tale angekommen waren, wandten wir uns gen Norden, die Bahnstrecke im Rücken lassend. Dämmerung begann allmählich, das Land zu umfangen. Bald hatten wir die eigentlich spannende Strecke erreicht: Den Beginn der alten Burma-Straße. Diese Straße wurde in den dunklen Zeiten der Belagerung der Heiligen Stadt durch die räudigen Jordanier im Jahre des Herrn 1948 von tapferen, muskelgestählten Zionistenjünglingen heldenhaft innerhalb kürzester Zeit gebaut, um einen belagerten Teil der Bergstraße von Jerusalem zu umfahren – und so die verzweifelten Einwohner mit Karren, die Wasser und Brot geladen hatten, vor der drohenden, hässlichen Fratze des Hungerstodes zu retten.

Die Straße war gar steil und garstig, mehrere Male wären wir ums Haar in den dräuenden Abgrund gestürzt, auf Nimmerwiedersehen im ewigen Dunkel der Judäischen Berge, in das kein Sonnenstrahl dringt, verschwunden. Doch es war immer einer der drei so tapfer, die anderen an zu wagemutigen Erkundungen zu hindern. Schließlich hatte jeder von uns Weib und Kinder zu ernähren…

Stunden vergingen. Der glühende Feuerball der ewigen Sonne war schon längst hinter dem diesigen Horizont versunken, Nacht senkte sich langsam, aber unaufhaltsam, über die bergigen Gestade. Und noch immer waren wir nicht am Ziele.

Endlich, wir glaubten uns schon in den Bergen verirrt: Ein Feuerschein am Horizont. Eine Straße! Von Fackelschein erhellt, voller Wagen, ein Weg zurück in zivilisierte Gegenden. Latrun konnte nicht mehr ferne sein! Ein freudiges Seufzen, ja, mehr ein Krächzen, entrang sich unseren erschöpften und durstigen Kehlen.

Die Abfahrt ward geschwind überwunden, auch der Weg durch das düstere Dickicht zu Füßen des Gebirges. Mit letzten Kräften kamen wir – förmlich kriechend – am Wege an. Nicht weit, vielleicht zwei Meilen vor uns, da! Latrun. Endlich. Das letzte Stück ward von frischer Hoffnung beseelt bald geschafft. Der Bus nach Jerusalem kam, wir bezahlten jeder unsere 15 Silberstücke und sanken erschöpft in die weichen Kissen. Nun war also auch dieses Stück garstiger Wildnis – endlich! – von tapferen Gesellen bezwungen worden. Welch Triumph, welch Hohngelächter ins Antlitz der Natur.

Informationen und Links

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Kommentare

Glückwunsch, edle Recken!

Ei, wer erhebet hier die Stimme?

Ein Vorfahr eben, selber des fahrradfahrens kundig, aus dem edlen Jahrgang 51.

Oh, er ist es. Sei er willkommen, fühle er sich wie zu Hause, wie in seinem eigenen Bergfried.

Edler Recke,
du vergasest zu erwähnen das sich die Muttern deines ergaunerten Vorderrades lösten und dein selten bemühter Schutzpatron dich an diesem Tage heil den Berg hinunter brachte…