Climbing the stairs of desperation
“Chairs of desperation” - Stufen der Verzweiflung, so werden sie von Soldaten in Hebron genannt. Gemeint ist eine Treppe innerhalb der für die palästinensischen Einwohner der Stadt weitgehend gesperrten Schutzzone H2 rund um die von jüdischen Siedlern besetzten Häuser in der Altstadt Hebrons. Sie stellt einen umständlichen Alternativweg für palästinensische Jungen und Mädchen dar, welche täglich die arabische Schule inmitten dieser Schutzzone besuchen. Sie müssen diesen gehen, da die eigentliche Straße für sie gesperrt ist – und selbst auf dem Ausweichweg müssen sie täglich damit rechnen, von militanten Siedlern oder deren schon früh ideologisierten Kindern mit Steinen beworfen zu werden.
Chevron, oder arabisch Al-Chalil, hat für das Judentum wie auch den Islam große Bedeutung. In der zweitgrößten Stadt der Westbank liegt das heilige Grab der Patriarchen, in dem nach der Überlieferung Abraham, Sara, Isaak, Lea, Rebekka und Jakob begraben sind.
Eine nationalreligiöse Gruppe von jüdischen Siedlern gründete deshalb im Jahr 1968 (nachdem Hebron durch die Eroberung der Westbank während des Sechstagekriegs 1967 unter israelische Kontrolle gefallen war) die noch heute bestehende Siedlung Kiryat Arba. 1979 begannen Teile davon, in der Altstadt Hebrons, nahe der Abraham Avinu Synagoge, Häuser zu besetzen – man sah und sieht sich als ideologisch legitimierte, rechtmäßige Vorkämpfer des jüdischen Volkes. „Dieses Haus ist noch arabisch; in diesem leben jetzt Juden. Es wird jüdischer und jüdischer werden“, so eine Siedlerin in einem Video auf YouTube im Brustton der Überzeugung. Die große Mehrzahl der israelischen… (hier weiterlesen)
Die große Mehrzahl der israelischen Bevölkerung steht der Siedlungsbewegung in dieser äußerst radikalen Form sehr kritisch gegenüber. Jedoch ist die Regierung aufgrund der zersplitterten Parteienlandschaft von der Zustimmung der religiösen Rechten abhängig – sie hat sich, präziser gesagt, eine leidenschaftliche Unterstützerin der Siedlungsbewegung mit ins Koalitions-Boot geholt. Aus diesem Grund genehmigte die israelische Regierung auch unlängst trotz heftiger internationaler Proteste den Neubau von Wohnungen für über 300 Familien in der Westbank; die radikale Rechte hatte nach dem furchtbaren Attentat auf die Yeshiva “Merkas haRav” massiven Druck ausgeübt.
Das in großer Zahl präsente israelische Militär hat vornehmlich die Aufgabe, die Siedler zu beschützen, ungeachtet der Folgen für die Palästinenser. Die Siedler wissen, dass sie von den Soldaten kaum an militantem Vorgehen gehindert werden - unlängst bekam das auch der Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages zu spüren, dessen Mitgliederinnen und Mitglieder während ihres Israelaufenthaltes in Hebron von Siedlern stark belästigt wurden, ohne dass das Militär oder die Polizei eingriffen. (International Herald Tribune)
Betritt man die Schutzzone um die besetzten Häuser in der Altstadt, stockt man unweigerlich. Ein surreales Bild lässt innehalten: Auf der palästinensischen Seite herrscht lebhaftes Getümmel; Souvenirs werden angeboten; Händler feilschen; Geschrei, Lärm und Radau. Der romantische Eindruck der engen Altstadtgassen wird einzig durch Netze und Gitter getrübt – sie schützen die Gassen vor Müll und Steinen, welche die Siedler aus den Fenster ihrer Häuser werfen.
Tritt man jedoch durch den kleinen Checkpoint, und ist das laute Fiepen des Metalldetektors verklungen, herrscht plötzlich Stille. Breite, menschenleere Gassen, gesäumt von den geschlossene Türen ehemaliger palästinensischer Geschäfte. Es ist schwül und drückend, die Luft riecht nach Regen. Wir schlendern die Straßen entlang, vorbei an Soldaten und an Gruppen von Siedlern, die als einzige die ausgestorbenen Straßen ein wenig beleben. Überall prangen Schriftzüge auf den Wänden: “Keine Araber - keine Anschläge”. Plötzlich rast ein rotbeflaggtes Auto vorbei, TIPH steht darauf. “Temporary International Presence in Hebron” ist eine internationale, unbewaffnete Beobachtergruppe, die zur Normalisierung der Situation beitragen soll – und als Puffer zwischen Palästinensern und Arabern dient.
800 Siedler leben heute in der 1997 errichteten Schutzzone H2, die circa 18% des Stadtkerns bedeckt. Die meisten Straßen in diesem Gebiet sind für Palästinenser gesperrt; aufgrund der ökonomischen und sozialen Erosion haben ungefähr 40 Prozent der ursprünglichen 35.000 dort lebenden Palästinenser diese Zone verlassen. Sie sind in andere Stadtgebiete gezogen – oder gleich ganz weg aus Hebron. In keiner anderen Stadt wird der Konflikt in all seinen Folgen für alle Beteiligten so unmittelbar deutlich, wie in Hebron. Nur hier leben israelische Siedler und Palästinenser buchstäblich Wand an Wand.
Beim Durchstreifen der Siedlung fällt die starke Militärpräsenz auf. Hebron hat unter Soldaten – speziell für solche in Kampfeinheiten – den Ruf, eine der komplexesten und schwierigsten Städte in der Westbank zu sein.
Wir sehen eine ausgemusterte Bushaltestelle, auf der sechs völlig erschöpfte Soldaten sitzen. Einer sitzt vornüber gebeugt und hat den Kopf in beide Hände gelegt, ein anderer putzt stoisch seinen Stahlhelm.
Auf die Soldaten, ihre Routine, ihren Alltag, konzentriert sich “Breaking the Silence“, eine informierende Organisation, die für mich ein signifikantes Gegengewicht zur Berichterstattung der anderen internationalen Beobachter bildet. Die jungen Soldaten der israelischen Armee sind eine Gruppe, die sonst oftmals vernachlässigt wird. Diese müssen hier Dienst leisten – und werden im zerrissenen Umfeld zwischen nationalistischen Siedlern, aggressiven Palästinensern und Internationalen, die in ihnen oftmals nur die Repräsentanten einer Besatzungsmacht sehen, aufgerieben. Die Interviews, welche Breaking the Silence seit dem Jahr 2004 mit den Soldaten führt, sind eindrückliche Berichte. Berichte, die zeigen, wie sich Repression und Gewalt verselbstständigen in einer Situation, in denen die Soldaten oft allein gelassen werden. Einer Situation, in der die Politik oftmals keine eindeutige Position bezieht, in der Urteile des höchsten israelischen Gerichtshofs ignoriert werden, in der sie als junge Menschen über das tägliche Wohl und Wehe ganzer Familien und Nachbarschaften entscheiden müssen.
Ich habe mir die Freiheit genommen, zwei dieser “Testimonies” ins Deutsche zu übersetzen.
[…] Du hast an Arrest-Missionen teilgenommen?
Ja, an Dutzenden. Der Löwenanteil der Aufträge ist offensiv. Ich meine, sie sind grundsätzlich darauf ausgelegt, die Leute (die Palästinenser) daran zu erinnern, dass man da ist. So fühlen sie sich nie sicher, und realisieren, dass die Armee immer präsent ist. Sie sollen sich daran gewöhnen, dass die Armee dort ist, dass es ein normales Leben ohne Armee für sie nicht geben kann. Dass sie – egal, wohin sie gehen – immer damit rechnen müssen, untersucht zu werden.
Du meinst, innerhalb der Gebiete?
Ich kenne Hebron am besten und kann deswegen bezüglich der anderen Gebiete nichts sagen, aber das Grundprinzip ist überall gleich. Die meisten Routineeinsätze sind darauf ausgelegt, die Palästinenser daran zu erinnern, dass man das ist. Dass die Armee da ist. Sie dürfen keine Sekunde ausruhen, auch die Zivilisten. Ich nehme an, dass das eine Art strategisches Konzept ist, dass sie Terroristen ablenken wollen, jeden Aufständischen. […]
Was ist mit den Soldaten? Wie sehen die das?
Ich hatte alle Typen. Ich hatte Soldaten, die während eines Einsatzes zu mir kamen und sagten: „Hör zu, ich glaube, wir halten sie zu lang auf, warum lassen wir sie nicht gehen?“ Ich hatte Soldaten, die waren da, um den Job zu machen, so weit es sie anging, ihn so gut wie möglich zu machen, um dann zum Posten zurückzukehren und zu schlafen.
Und ich hatte Soldaten, die es darauf anlegten, alle so lange wie möglich hinzuhalten, die zu Leute zu zwingen, so lange im Hocken auf ihren Ausweis zu warten, bis diese es nicht mehr aushielten.
[…] Wenn man patrouilliert, müssen manchmal Personalien aufgenommen werden. Das ist Routine. “Du und du, ihr sichert dort, und du und du, ihr checkt die Ausweise.” […] In der Zwischenzeit nähert sich einer der Wartenden dem Soldaten, was absolut verständlich und legitim ist und sagt: „Hör zu, wird das noch lange dauern? Wir haben es eilig, wir müssen zur Arbeit.“ Und der Soldat, er ist stark, er ist bewaffnet und erwartet, dass diese Person kuscht und es nicht wagt, sich ihm so zu nähern – obwohl es keine direkte Bedrohung darstellt. Und das ist eine alltäglich Situation. Der Soldat brüllt zurück, richtet sein Gewehr auf ihn, zwingt ihn in körperlich peinigende Positionen. […]
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Hast du die Schussbefehle verletzt?
Oh ja, und wie. Es gab Unruhen, die wir beenden wollten.
Ihr habt während “Unruhen” scharf geschossen?
Ja, oft.
Aber es gab doch so viele andere Möglichkeiten, Demonstrationen aufzulösen.
Okay, klar. Aber es kommt der Punkt, da hast du es satt. Und dir wird es zu viel, weil du denkst, was, ich kriege hier bloß die Steine ab? Du feuerst in die Luft und sie beruhigen sich ein wenig, und dann machen sie weiter, und dir wird klar, dass du nicht auf sie schießt. Und der Kommandeur meint: “Okay, ziel auf ein Kind, irgend eines, das brav aussieht - das wird sie wirklich aufregen. Ziel auf sein Knie.” Und dann peng, schießt du auf das Knie eines Kinder. Und das war’s.
Und dann beruhigen sie sich?
Logisch. Wissen Sie, wie das ist, wenn ins Knie eines Kindes geschossen wird? Sie sagen sich, wow, die sind skrupellos. Wir hören besser auf, verziehen uns, und dann ist gut. […]
HIER befindet sich die aktuelle Publikation von Breaking the Silence zu Hebron im pdf-Format.



Ein weiterer beeindruckender Bericht mit beeindruckenden Fotos.